25.05.12 - 14.10.12 , ab 00:00 Venray (nl)
Kreativität und Chaos
Bildende Kunst und Literatur im Öffentlichen Raum vor dem Hintergrund von über 100 Jahren Psychiatrie-Tradition in Venray.
Kokovoko von Jordi V. Pou, Foto: Odapark Venray
In Venray ist es ‚normal’ nicht normal zu sein. Wer hier lebt, ist den
Umgang mit anderen, die ‚anders’ sind, gewohnt. Diese Tradition, wie auch
die viel beachteten Präsentationen im öffentlichen Raum der
nordlimburgischen Kleinstadt ‚De Waan’ (2002) und ‚Rock My Religion’ (2007)
machen Venray zum idealen Schauplatz für ‚MINDMAP’.
57 niederländische und
internationale Künstler und Autoren zeigen Arbeiten rund um das Thema
Kreativität und Psyche im gesamten Stadtraum von Venray, und das nur 15 km
westlich der Grenze zum deutschen Niederrhein. Farbig kodierte Linien auf
Straßen und Wegen bilden das augenfällige Leitsystem beim Entdecken der
künstlerisch inszenierten Stadt.
„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu
können.“ Friedrich Nietzsche in ‚Also sprach Zarathustra’
Nietzsche (1844 – 1900) wusste um die strukturgebenden appollinischen und
die ekstatischen dionysischen Gestaltungskräfte, die sich beim Gesunden im
Gleichgewicht befinden und erst im Zusammenwirken die Kunst möglich machen.
„Wahnsinn und Genie gehen Hand in Hand..., “ sang Udo Lindenberg in ‚Wotan
Wahnwitz’. Und tatsächlich scheinen psychische Störungen und menschliche
Kreativität nah beieinander zu liegen.
Die Biologie verortet die Kreativität
in der für Emotionen und Vorstellungskraft zuständigen, rechten Hirnhälfte,
wo sie immer aufs Neue aus einer Masse eher unstrukturierter, chaotischer
Details entsteht. Der rechte ‚parietale’ Hirnlappen ist für das Ordnen
visueller Eindrücke zuständig. Er komponiert den inneren visuellen Raum zu
einem Ganzen, was speziell für Künstler eminent wichtig ist. Doch muss sich
der Künstler auch in eigene Gedankengänge und die von anderen einfühlen
können. Neben dem parietalen spielt für den Künstler auch der präfrontale
Cortex beim Ordnen des Vorstellungsvermögens eine große Rolle.
Neuere
Untersuchungen zeigen, dass die Hirne von Kreativen (wie auch bestimmter
Gruppen psychiatrischer Patienten) nicht genügend Dopamin-Rezeptoren
enthalten. Aufgrund einer abweichenden Verbindung zwischen Thalamus und
Stirnlappen, wo sich die dem Chaos vorbeugenden Planungs- und Steuerzentren
befinden, findet bei ihnen, die Informationsverarbeitung anderswo statt.
Diese Labilität, dieses Chaos, schafft im Hirn den Nährboden für
Kreativität.
So sind Künstler und psychiatrische Patienten in ihrem Umgang mit der
Wirklichkeit geistesverwandt, weil es eben neben der ‚Wirklichkeit’ unserer
Umwelt noch viele weitere gibt: Die in unseren Köpfen.
Das mag für uns und
für andere verwirrend sein, aber es ist eine Sichtweise, mit der wir (mit
etwas Glück) umzugehen lernen.
Ordnung ins Chaos der Gedanken und Ideen zu bringen, im Berufsleben wie auch
in Forschung und Lehre, dabei helfen so genannte Mindmaps. Als hierarchisch
um ein zentrales Thema angeordnete Diagramme aus Bezugslinien und Begriffen
machen Mindmaps auf interaktive Weise komplexe Informationen zugänglich und
können beim Lernen, Erinnern und bei kreativen Prozessen hilfreich sein. Wie
farbig kodierte Ideen-Landkarten ähneln sie Metro- oder Stadtplänen. Moderne
Mindmaps entstehen an Computern und werden auch – in jeweils wählbaren
Komplexitätsgrad - auf ihnen präsentiert.
Genauso funktioniert MINDMAP: Mit dem menschlichen Gehirn als Sitz der
Gefühle und Vorstellungen als zentralem Thema werden farbig kodierte Linien
durch die Stadt gezogen, die thematische Bezüge abbilden.
· Gelb steht für Psychiatrie und die Stadtgeschichte von Venray;
· Rot für die Bildende Kunst und eine Wirklichkeit in Bildern.
Die Literatur als Welt der Worte ist blau markiert.
· Orange findet sich, wo sich Kunst mit Psychiatrie und Geschichte und
mit dem Schaffen von Menschen aus Venray mischt.
· Grün markiert im weitesten Sinne die Berührungsflächen von Worten und
Psychiatrie. Das können historische Orte in der Form von Architektur,
Religion, Natur, Wort und Bild wie auch alle Vorträge im Rahmen von MINDMAP
sein.
· Violett schließlich steht für Wirklichkeiten die sich in
Wort-Bild-Kombinationen äußern: Theater, Film, Performances, Aufführungen
und Video.
Diese sechs farbigen Linien entlang markanter Punkte werden – wie von Kunst
und Psychiatrie bestimmte Pfade des Geistes - auf den Straßen von Venray
gezogen, wie eine Mindmap.
Ab Freitag 25. Mai 2012 können die Besucher
diesen Linien allein oder gemeinsam, zu Fuß, mit dem Rad, Rollstuhl oder
Auto folgen. Manchmal ist es ratsam, mal aus- oder abzusteigen, um die
angesteuerten Orte tatsächlich zu sehen, zu fühlen, zu erleben und sich für
den chaotischen Geist zu öffnen, der diesem Linienmuster innewohnt. Der
Startpunkt liegt im Zentrum, wo im alten Postamt alle Infos zu MINDMAP und
den einzelnen Routen kostenlos erhältlich sind. Alle Linien berühren das
Vincent van Gogh – Institut, wo immer noch psychiatrische Patienten wohnen
und alle MINDMAP-Besucher willkommen ist.
So individuell wie jedes Hirn, so verschieden sind auch die Mindmaps der
Besucher. Weil die Route einer Mindmap manchmal anders verläuft als der
ausgetretene Pfad in der normalen Welt, ist mancher Weg nicht immer ganz
leicht zu gehen. Vielleicht ist dies die einzige wichtige Ähnlichkeit
zwischen Künstlern und psychiatrischen Patienten, die Informationen ja
anders, via den Schleichweg der aus dem Chaos entstandenen Imagination,
verarbeiten. Genau dieses Chaos will MINDMAP mit seinen farbigen Routen
sichtbar, fühlbar machen und so einen anderen Blick auf die Wirklichkeit
eröffnen.
Schindler (DE) - 13.07.12 OID: 48239
Beeldende kunst - 25.05.12 - 14.10.12 , ab 00:00
Odapark Venray - Centrum hedendaagse kunst